Das Kalibrieren von Fahrerassistenzsystemen sollte heute zum Standardrepertoire einer modernen Werkstatt gehören. Hendrik Beecken steht in seiner Halle in Winsen/Luhe vor einem Gerät, das auf den ersten Blick wie ein überdimensionaler Fernseher auf Rollen aussieht. Es ist das Digital ADAS 2.0 von MAHLE. „Alle reden von Digitalisierung – hier in der Werkstatt setzen wir sie konsequent um“, sagt Beecken mit Begeisterung in der Stimme.
Bei Beecken und seinem Werkstatt-Team war lange Zeit ein System mit physischen Targets der Standard – ein solides und im Markt bewährtes System, mit dem er viele Jahre zuverlässig gearbeitet hat. Doch für Beecken war es jetzt an der Zeit, den nächsten Schritt zu gehen: „Die voll-digitale Lösung ist für unsere Arbeit einfach die logische Weiterentwicklung.“
Der entscheidende Impuls für den Wechsel war der Wunsch nach mehr Flexibilität: „Die Automobilhersteller entwickeln ständig neue Ziel-Designs – bei der heutigen Modellvielfalt ist das ein Tempo, mit dem man als freier Betrieb kaum Schritt halten kann“, erklärt der Werkstattinhaber. Wer markenoffen arbeitet, steht sonst vor einer logistischen Herausforderung: Entweder man investiert in ein Lager voller physischer Targets für die gängigsten Modelle. Kommt dann doch mal ein Exot, muss man die Arbeit auslagern oder die passende Tafel zeitaufwendig leihen.
„Das bedeutet immer Vorplanung und Warten auf die Lieferung. Wenn das Timing dann nicht exakt passt, stockt der gesamte Prozess in der Werkstatt“, so Beecken. Mit der Digitallösung wollte er Kalibrierabläufe sauber durchziehen. Zeit ist in der Werkstatt das wertvollste Gut, und durch die digitale Darstellung der Targets entfällt auch die Umrüstzeit komplett. Der Kunde bekommt sein Auto schneller zurück, und der Werkstattdurchlauf bleibt konstant hoch.
Denn: Beim Mahle-System ist das Display das Ziel. Das Gerät generiert auf Knopfdruck das benötigte Target digital auf einem 65-Zoll-Monitor. Mahle setzt hier auf ein entspiegeltes Samsung-Display, das laut Beecken auch bei schwierigen Lichtverhältnissen in der Werkstatt funktioniert.
Das Herzstück des Techpro Digital ADAS 2.0 ist die patentierte Keystone-Technologie. Während man bei herkömmlichen Systemen das Gestell mit der physischen Tafel meist zeitaufwendig und millimetergenau im rechten Winkel zur Fahrzeugachse ausrichten muss, übernimmt hier die Software die Feinjustierung. Das System erfasst die Position des Fahrzeugs, woraufhin es das digitale Target auf dem Monitor perspektivisch so anpasst, dass es für die Sensorik im Auto perfekt ausgerichtet erscheint. „Das gibt uns im Werkstattalltag eine enorme Sicherheit und Flexibilität“, erklärt Beecken.
Ein positiver Nebeneffekt ist die Multifunktionalität des Displays. Da der Samsung-Monitor über mehrere HDMI-Eingänge verfügt, nutzt Beecken ihn als zentrale Ausgabeeinheit für zwei Systeme. „Ich habe den Rechner meiner John-Bean-Achsvermessung einfach an den zweiten HDMI-Port angeschlossen“, erklärt er. Per Umschalten der Signalquelle kann er nun beide Systeme über denselben Bildschirm bedienen. „Ich brauche keinen zweiten Monitorwagen mehr im Raum stehen zu haben. Das spart Platz und ich habe die Daten bei beiden Messvorgängen immer groß im Blick.“ Ein Vorteil, der laut Beecken in den Broschüren viel zu wenig beworben wird.
Beecken betont, dass das Thema Kalibrierung – egal mit welchem Gerät – viel Mitdenken erfordert. Mit Hilfestellungen wie integrierten Videos und vielen guten Erklärtexten würde das Mahle-System die Nutzer dabei unterstützen – manchmal aber auch besonders fordern. Schuld sei die Übersetzung, die auch in Beeckens Betrieb gelegentlich zu Stirnrunzeln führt. „Statt Umrissbeleuchtung steht dann beispielsweise Pfützenbeleuchtung. Oder die Anweisung heißt einfach nur: „Tafel einschalten“. Da muss man dann wissen, dass das Anzeigendisplay des Autos gemeint ist. Da kratzt man sich dann schon mal kurz am Kopf.“ Auch das Thema Security Gateway sorgt im Alltag gelegentlich für kleinere Verzögerungen. Bei ganz neuen Modellen – wie etwa einem 2024er Nissan – stößt der Mahle-Tester manchmal an seine Grenzen, wenn die Freischaltung der Steuergeräte hakt. Doch Beecken und sein Geselle Jan wissen sich zu helfen: Wenn die Mahle-Software nicht ins Steuergerät kommt, nutzt er einfach den danebenstehenden Bosch-Tester für die eigentliche Anpassung, während das Mahle-Gerät die optische Zieldarstellung übernimmt. „Hauptsache, es ist fertig. Der Weg ist am Ende egal, solange das Ziel ordentlich ausgerichtet ist.“
Trotz der kleineren Hürden ist die Zeitersparnis für Beecken enorm. „Wenn alles glatt läuft, ist eine einfache Kalibrierung in zehn Minuten gerissen. Mit einem analogen Aufbau brauchst du definitiv eher 20 Minuten – allein wegen der Tafel-Umrüsterei“, sagt Beecken. Bei Renault etwa müssen oft drei Tafeln in verschiedenen Höhen kombiniert werden. „Da hast du super viele Fehlerquellen drin. Das fällt hier alles weg.“ Vor allem beim Geschäft mit Versicherungsfällen kann die Werkstatt schnell gutes Geld verdienen. Das Geschäftsmodell rechnet sich für Beecken auch durch Kooperationen. Da er für einen Lackier- und Karosseriebetrieb aus der Nähe die Kalibrierungen mitübernimmt, hat er mindestens drei Einsätze pro Woche. „Ich kann jedem nur empfehlen: Sucht euch Partner in der Nähe, macht ihnen ein faires Angebot und kalibriert die Dinger durch“, sagt Beecken.
Obwohl Beecken das System bereits seit 2021 im Einsatz hat, ist es rein finanziell wahrscheinlich noch nicht voll amortisiert – doch für ihn lässt sich das ohnehin nicht nur in nackten Zahlen ausdrücken. „Eine solche Investition rechnet sich für uns auch über die Unabhängigkeit und das Expertenwissen im eigenen Team“, sagt Beecken, für den das ADAS-Gerät nicht nur Werkzeug ist, sondern auch ein Statement. „Wir wollen nicht, dass die Leute für jede Kleinigkeit zur Vertragswerkstatt müssen. Ich möchte die Kompetenz in meiner Bude behalten – auch für die Ausbildung meiner Lehrlinge. Wie willst du denen sonst vermitteln, wie moderner Autoservice aussieht?“.
Visuelle Unterstützung im Arbeitsprozess: Animationen und Videos auf dem Monitor verdeutlichen den nächsten Handgriff. Das sorgt für Sicherheit auch bei selteneren Kalibrierungen.
Digitale Ordnung in der Werkstatt: Durch den Verzicht auf ein sperriges Tafellager wirkt die Diagnose-Ecke stets aufgeräumt. Der 65-Zoll-Monitor ersetzt dutzende analoge Targets und macht das System sofort einsatzbereit.
Handgriffe, die sitzen müssen: Die Montage der Radaufnehmer ist einer der wenigen manuellen Schritte im digitalen Prozess.
Präzision im virtuellen Raum: Der Mahle-Tester visualisiert exakt die Position des Fahrzeugs sowie den Abstand zwischen den Radaufnehmern und der digitalen Messwand.
Feinarbeit am Radarspiegel: Hendrik Beecken folgt den digitalen Anweisungen, um den Spiegel für die anschließende Kalibrierung in die perfekte Position zu bringen.