Obwohl viele Werkstätten lange Vorlaufzeiten verzeichnen, sind die Aussichten generell nicht rosig. Politische und gesellschaftliche, aber auch technische Themen fordern die Betriebe heraus. Wie Philipp Grosse Kleimann, Leiter MAHLE Lifecycle and Mobility, die Leistung freier Betriebe einschätzt und wie er diese bei ihren Herausforderungen unterstützt, erläutert er im Gespräch mit Steffen Dominsky (Redaktion »kfz-betrieb«).

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Wer MAHLE hört, der denkt im ersten Schritt an Ersatzteile und im zweiten an Werkstattequipment. Eine logische Reihenfolge?

Philipp Grosse Kleimann: In der Tat, das ist nachvollziehbar. Schließlich sind wir bereits seit 1921 OE-, also Teile- bzw. Komponentenlieferant. Wir wären nicht über 100 Jahre erfolgreich in der Erstausrüstung, wenn wir nicht verlässliche Qualität abliefern würden. Und eine solche Qualität spricht sich selbstverständlich nicht nur bei Fahrzeugherstellern, sondern auch im Aftermarket, bei den Werkstätten herum. ‚Wir waren Premium, wir sind Premium und werden im Premiumsegment bleiben‘ lautet unser Credo. Dafür investierten wir hohe Summen in Forschung und Entwicklung und legen großen Wert auf Patente und Systemkompetenz. Das daraus entstehende OE-Wissen investieren wir wiederum in unsere Angebote für den Aftermarket.

Nun bieten Sie seit einigen Jahren auch Werkzeuge bzw. Geräte zum Einbau Ihrer Ersatzteile an – z. B. Klimaservicegeräte. Woher kam der Ansatz auch eine Multimarkendiagnose oder ein FAS/ADAS-Kalibriersystem anzubieten?

Mobilität endet nicht mit dem Fahrzeugkauf, im Gegenteil, sie beginnt dort eigentlich erst. Wir wollen Werkstätten dabei unterstützen, ihre Arbeit bestmöglich zu erledigen. Hierfür benötigen sie neben den passenden Ersatzteilen auch stets die für deren Austausch notwendigen Werkzeuge. Da eine Diagnose der Ausgangspunkt ganz vieler Arbeiten in Werkstätten ist, haben wir uns 2017 entschieden, strategisch diese Richtung auszubauen und das Unternehmen Brain Bee zu akquirieren. Auch der Einsatz eines Kalibriersystems namens „Digital ADAS“ ist heute bei zahlreichen Reparaturvorgängen notwendig. Nehmen wir nur den Austausch eines Kühlers oder Klimakondensators. Habe ich an einem Frontend gearbeitet und die Position eines Radarsensors oder einer Kamera möglicherweise leicht verändert, muss ich rekalibrieren. Wir haben den Wunsch, Werkstätten auch in der Zukunft genau jene Werkzeuge und Systeme zur Verfügung zu stellen, mit denen sie Mobilität schnell, problemlos und vor allem sicher wiederherstellen können. Dabei ist es unser Ziel, zu einem Ökosystem zu kommen, das Wissen mit einer leichten Anwendung und der entsprechenden Werkstattausrüstung kombiniert.

Obwohl viele Betriebe aktuell eine hohe Auslastung verzeichnen, ist mit Blick auf Werkzeuge und Werkstatteinrichtung die Investitionsbereitschaft eher gedämpft. Was ist Ihre Wahrnehmung?

Aufgrund der allgemeinen wirtschaftlichen und politischen Situation spüren auch wir eine gewisse Verunsicherung bei den Betrieben. Zwar führen eine Zurückhaltung beim Neuwagenkauf und das steigende Alter des Fahrzeugbestands dazu, dass der Bedarf an Wartungs- und Reparaturarbeiten steigt. In der Praxis aber zeigt sich, dass Fahrzeughalter/-innen aktuell notwendige Arbeiten hinauszögern und vermehrt die Verwendung möglichst kostengünstiger Ersatzteile wünschen. Das ist für freie Werkstätten eine echte Herausforderung, eine von vielen.

Welche Herausforderungen sind das in Ihren Augen?

Nehmen wir als Beispiel einen Markenpartner: Bei diesem teilt das ‚Connected Car‘ im Idealfall der Markenwerkstatt selbstständig mit, was es benötigt, noch bevor das Fahrzeug in die Werkstatt kommt. Die notwendigen Ersatzteile werden bereits automatisch über das OE-Ersatzteilmanagement bestellt. Der technische Zugang zum Fahrzeug, Stichwort Security Gateway, ist auch kein Thema, ebenso wie präzise Wartungs- und Reparaturinformationen. Das ist für Markenwerkstätten ein vergleichsweise einfaches Umfeld im Vergleich zu dem, in dem freie Betriebe agieren.

 

Von daher kann ich nur sagen: Wir ziehen den Hut! Wir ziehen den Hut vor den Mechanikern und Mechatronikern in freien Werkstätten für die Arbeit, die sie leisten, um ihre Kunden mobil zu halten, und für ihre Kunst und Ausdauer, das Dickicht der Herausforderungen zu durchdringen.

Was kann MAHLE dazu beitragen, um den Freien das Leben zu erleichtern?

Dafür gibt es viele Möglichkeiten. Zum Beispiel in dem wir sie schulen. Die neuen Antriebstechnologien und deren Komplexität bzw. Unterschiede zum klassischen Verbrenner erreichen in naher Zukunft auch die freien Werkstätten. Für die Betriebe heißt das, dass sie ihre Mitarbeiter noch mehr als in der Vergangenheit und kontinuierlich weiterqualifizieren müssen. Hierbei unterstützen wir sie, z. B. mit dem breiten Schulungsangebot unseres erst vor kurzem eröffneten Global Training Centers in Stuttgart.

 

Zudem intensivieren wir unseren Austausch mit dem Teilegroßhandel und den Werkstätten, definieren mit ihnen gemeinsam, wo es welche Schulungsbedarfe gibt. Es reicht heutzutage nicht mehr, nur ein Ersatzteil oder Werkstattgerät anzubieten. Die Werkstatt ist aufgrund der stetig steigenden Komplexität in vielen Bereichen darauf angewiesen, passgenaue Unterstützung zu erhalten, damit sie ihren Kunden Lösungen aus einer Hand anbieten können. Diese Unterstützung, die Teile, Ausrüstung und Schulungen umfasst, werden wir künftig, noch mehr als heute, unseren „Helden“ anbieten.

Wen meinen Sie mit „Helden“?

Wie bereits gesagt, ziehen wir, ziehe ich den Hut vor den Mitarbeitern, die in freien Betrieben schon heute Unglaubliches leisten und erst recht in Zukunft leisten werden. Sie sind wahre Helden. Dafür stehen auch die ‚MAHLE Workshop Heroes‘. 

 

Sie meinen die globale Kampagne, die Sie im vergangenen Jahr auf der Automechanika gelauncht haben?

 

Ja, genau die meine ich. Die MAHLE Workshop Heroes sind für uns mehr als eine Kampagne - sie sind Ausdruck einer Denkschule, die deutlich macht: So schauen wir auf unsere Kunden. Nur wenn wir verstehen, was die Helden in den Werkstätten leisten, können wir ihnen maßgeschneiderte Angebote zur Verfügung stellen und sie in die Lage versetzen, auch weiterhin erfolgreich zu agieren. Die MAHLE Workshop Heroes werden uns deshalb noch über viele Jahre als Philosophie begleiten. 

Erst dieser Tage haben Sie drei neue Werkzeuge für Werkstätten vorgestellt, die so gar nichts mit E-Mobilität zu tun haben. Weshalb?

Da der Alltag in den freien Werkstätten stand heute überwiegend von Verbrennern dominiert wird. Mit dem ‚Oil Control‘, dem ‚Oil Fill‘ und dem ‚Multi Oil‘ unserer Reihe ‚FluidPRO Oil Line‘ haben wir gleich drei praktische Helfer entwickelt, die für Werkstattmitarbeiter den Umgang mit Schmierstoffen, allen voran Motoren- und Getriebeölen, deutlich einfacher, sauberer und somit auch sicherer machen. Außerdem erleichtern diese die Dokumentation eingefüllter Flüssigkeiten und erhöhen somit die Wirtschaftlichkeit. Getreu dem Motto: Nur was dokumentiert wurde, kann auch verrechnet werden. Unsere drei Neuen können Sie bei klassischen Verbrenner-, aber natürlich auch aktuellen Hybridfahrzeugen einsetzen. Gleich für alle Antriebsarten ist unser erst jüngst vorgestelltes E-CARE Fluid ausgelegt. Über dieses Gerät können Kühlkreisläufe extrem schnell entleert und luftblasenfrei wieder befüllt werden. Kein hantieren mehr mit Wannen, bei denen sich Werkstattmitarbeiter gerne selbst und auch den Werkstattboden mit Kühlmittel „verzieren“.

Stichwort dokumentieren und verrechnen: Vor einem Jahr haben Sie mit dem ‚E-HEALTH-Charge‘ ein neuartiges Diagnosesystem zur Ermittlung eines ‚echten‘ SoH bei E-Autos vorgestellt. Wie kommt dieses im Markt bislang an?

E-HEALTH Charge ist ein Diagnosetool, mit dem Werkstätten einen realistischen State-of-Health einer Antriebsbatterie ermitteln können. Das bedeutet, dass unser hochprofessionelles Gerät nicht auf vom Hersteller bzw. Fahrzeug selbst hinterlegte Daten zurückgreift, sondern diese authentisch am Fahrzeug selbst generiert. Das kommt im Markt an, da wir damit eine Marktlücke schließen. Werkstätten können so Zertifikate über die Restperformance einer Gebrauchsbatterie erstellen, für die die Kunden bezahlen – eine neue Einnahmequelle. Um Kfz-Betrieben die entsprechende Investition zu erleichtern, stellen wir das E-HEALTH Charge zukünftig auch als Leihgerät auf einer ‚Pay per use‘-Basis zur Verfügung, bzw. bieten entsprechende Finanzierungsmöglichkeiten für dieses innovative Produkt.

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